Vollkommen in Gold gerahmt

Zur Intervention „Zaltoprah“ von Ronny Hardliz und Jürg Schluep

Konrad Tobler, Kunstkritiker in Bern

Franz Kafka, der unter anderem an der Goldgasse 22 in Prag wohnte, das klischeehaft als golden gilt, den Schriftsteller aber eher an ein Irrenhaus erinnerte, Kafka also notierte einmal einen Traum seiner Kunstfigur Josef K.:
„Sofort trat aus einem Gebüsch [im Friedhof] ein dritter Mann hervor, den K. gleich als einen Künstler erkannte. In der Hand hielt er einen gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon beim Näherkommen Figuren in der Luft beschrieb. Mit diesem Bleistift setzte er nun oben auf dem Stein an; der Stein war sehr hoch, er musste sich gar nicht bücken, wohl aber musste er sich vorbeugen, denn der Grabhügel, auf den er nicht treten wollte, trennte ihn von dem Stein. Er stand also auf den Fussspitzen und stützte sich mit der linken Hand auf die Fläche des Steines. Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: ‹Hier ruht -›. Jeder Buchstabe erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold.“
Ein ähnlicher Effekt ist jetzt auch hinter dem Nationaltheater bei der trapezförmigen Pflanzenrabatte zu beobachten. Wie wenn die alten Prager Alchimisten am Werk gewesen wären – es geht die Legende, Kaiser Rudolf II. hätte solche bei ihrer Suche nach dem Geheimnis des Goldes unterstützt –, wie wenn also eine doch recht ungewöhnliche Verwandlung stattgefunden hätte, leuchtet deren Einrahmung rein und schön in lauter vollkommenem Gold auf. Es ist fast so, als ob das Gold auf dem Dach des Theaters sich auf die Strasse gesenkt hätte.
Vielleicht, in der Tat, ruht auch hier, auf der Rückseite des repräsentativen Nationaltheaterbaus etwas. Ein Geheimnis? Aber das kann nicht sein, gilt doch der Ort nicht unbedingt als geheimnisvoller, viel eher ist er ganz normal, sowohl was die Architektur, als auch was die Benutzung betrifft. Nicht einmal ein Denkmal ist in der kleinen Grünanlage platziert, kein Monument, das das Gold vielleicht gemäss den üblichen Massstäben rechtfertigen würde. Kurz: Es ist ein alltäglicher Ort. Aber vielleicht gilt es, im übertragenen Sinne, gerade hier eine Schwelle zu überschreiten. Denn das Goldwerk des tschechisch-schweizerischen Künstlerduos Ronny Hardliz/Jürg Schluep heisst wirklich „Zlatoprah“ (zu Deutsch: Goldene Schwelle).
Es gilt also, die Schwelle zu überschreiten, die den Blick meistens das ganz Gewöhnliche, Alltägliche übersehen lässt – eben weil es derart gewöhnlich und normal ist. Und das heisst ja auch, dass man sich daran gewöhnt hat. Es geht also darum, den Blick auf das Gewöhnliche zu fokussieren – und dieses als das Ausserordentliche zu entdecken. Das ist ja ein Verfahren, das auch Franz Kafka anwendete, indem er beispielsweise im Roman „Der Prozess“ in den gewöhnlichen Lauf der Dinge das Unheimliche, Unerwartete einbrechen liess und sich so das alltägliche Prag in einen Ort verwandelte, der aus einem unerwarteten Netzwerk von Kanzleien, Gerichtsbehörden und Bütteln besteht. Im Fall von „Zlatoprah“ geht es nicht um das Unheimliche, das da an einem normalen Ort einbricht. Viel eher ist es ein urbanistischer Einbruch, eine leuchtende und doch leise Intervention, die den Blick auf das Normale richtet. Dieses wird durch das Gold ausgezeichnet, und zwar im doppelten Sinn des Wortes. Den Künstlern geht es darum, sagen sie, diesen Ort als eine Art Theaterplatz für das inoffizielle, familiäre, durchblutete, echte Theater der Stadt zu interpretieren. Es ist also das graue Prag, das hier zum goldenen wird.
Nun haben die Künstler aber keineswegs die Absicht, die Stadt umzugestalten. Sie wollen vielmehr für einen bestimmten Ort und Moment eine neue Vision ermöglichen, indem sie Perspektiven und Hierarchien unterlaufen. Ihre Intervention ist genau deshalb als ein Angebot zu einem Dialog zu verstehen. Dieser entzündet sich an Fragen, meist einfachen und legitimerweise auch gewissermassen naiven. Es sind Fragen wie: Was soll dieses Gold an diesem Ort? Ist es nicht schade um das Gold? Besteht nicht die Gefahr, dass das Gold abgekratzt wird oder dass gar Hunde darauf pinkeln?
Vielleicht, so lässt sich das weiter denken, führen solche überraschenden Visionen und Dialog-Auslöser längerfristig ja auch wirklich zu neuen städteplanerischen und –baulichen Perspektiven.