Amor vincit omnia

Allmählich reifte die Gestalt des Gestells. Aus gesellschaftlichen Gründen musste ich darauf beharren, dass sich sein Zweck nicht nur im Objekt der Betrachtung erschöpfte, sondern auch tatsächlich durch alle Menschen begehbar wurde. Von braungebrannten Männern aus Neapel wurde das Gestell aus kühlem, hartklingendem Metall zusammengehämmert, verstrebt und verschraubt nach der Vorgabe des Architekten und seinem von Caravaggio bewirkten Inbild des Liebesgotts. So wie es sich nun den Augen und dem Körper des Betrachters und Benutzers darbot, gewährte es lustvolles Aufsteigen nach oben, entlang den warmen Wänden, an den Sonnenterrassen, den Fenstern und Türen, steinernen Fruchtgirlanden, Büsten von Apoll, Venus und Antinous und einem Mosaik aus Funden im Meer vorbei bis zum Austritt auf die Terrasse und zur Erfüllung im Blick auf die Stadt ... und ebenso lustvolles Absteigen über den Leib, die Arme und Beine von Amor zur Erde.

Auch ich erlag dem Liebesgerüst vor der Fassade meiner Behausung, stieg unzählige Male bei Sonnen- und Mondschein hinauf und hinunter, mitten im Betrieb der Besucher, aber oft auch in einsamer Stille. Ich nahm es auf als Wanderer und Betrachter, mit den Augen und der Kamera. Sein Bestand währte nur wenige Tage und Nächte. Nach einer Woche kamen die Männer aus Neapel wieder, zerlegten das Gestell und übergaben es unserer Erinnerung.